Entdecke Kasachstan - Stammtisch unterm Schanyrak
Veranstaltungen

6. Stammtisch unter dem Schanyrak in Berlin

Der sechste Stammtisch unter dem Schanyrak in Berlin führte die Teilnehmer von den frühen Nomaden der Skythen zu den Digitalen Nomaden von heute.

Wer an Kasachstan denkt, dem kommen oft zuerst endlose, weite Graslandschaften und Nomaden mit ihren Herden und Jurten in den Sinn. Doch die Große Steppe birgt weit mehr als nur spektakuläre Landschaften. Sie ist eine Schatzkammer der Weltgeschichte, ein Region in dem Kulturen entstanden, Handelswege wie die berühmte Seidenstraße verliefe und Reiche aufstiegen und auch wieder verschwanden. Wie faszinierend dieses Erbe bis heute ist, zeigte die sechste Ausgabe des Stammtischs unterm Schanyrak, zu dem die Botschaft der Republik Kasachstan Anfang Juni ins Berliner Maritim proArte Hotel eingeladen hatte.

Nur wenige Schritte von der geschäftigen Friedrichstraße entfernt öffnete sich an diesem Abend für uns ein Fenster in eine längst vergangene Welt. Unter dem Titel Große kasachische Steppe – Glanz des Skythengoldes und der Frühzeit der nomadischen Kulturen Eurasiens begaben sich die geladenen Gäste auf eine Reise durch die Jahrtausende zentralasiatischer Geschichte.

Bereits in seiner Begrüßungsrede machte der Botschafter der Republik Kasachstan in Deutschland, Nurlan Onzhanov deutlich, dass die Geschichte der Steppe und des Nomadentums weit mehr ist als eine Abfolge archäologischer Funde. Sie ist Teil einer kulturellen Identität, die bis in die Gegenwart der heutigen digitalisierten Welt wie den Digitalen Nomanen weiter wirkt. Der Botschafter führte aus: In unser heutigen schnelllebigen Zeit ist alles ständig in Bewegung – und ständige Veränderungen in der Wirtschaft, Technologie, Finanzen, Religion, Ökologie und Informationen wirken gleichzeitig auf uns ein. In diesem Sinne sind wir nur alle Nomaden der digitalen Steppe.

Die Völker der Steppe, von denen bereits der antike Historiker Herodot berichtete, seien nicht nur geschickte und respektierte Reiter und Händler gewesen, sondern hätten über Jahrhunderte hinweg einen der bedeutendsten Kultur- und Wirtschaftsräume Eurasiens geprägt der auch heute wieder mehr den je, auch in Deutschland, wieder mehr und mehr Aufmerksamkeit erhält. Botschafter Onzhanov unterstrich zum Ende seiner Rede, das gerade auch der wissenschaftliche Dialog zwischen Kasachstan und Deutschland ein großer Erfolg ist, der Menschen verbindet, gegenseitiges Verständnis schafft und neue Perspektiven für die Zukunft eröffnet.

Entdecke Kasachstan - Kurgane bei Berel
Rekonstruktion eines Skythengrabes bei Berel in Kasachstan.

Nach der Ansprache des Botschafters führte Prof. Dr. Anton Gass vom Museum für Vor- und Frühgeschichte Berlin die Zuhörer tief in die Bergwelt des kasachischen Altai. Im Dreiländereck von Kasachstan, Russland und China liegen die berühmten Kurgane bei Berel – Grabhügel der Skythen, die durch ihre reichen Grabbeigaben zu den spektakulärsten archäologischen Fundstätten Eurasiens zählen.

Besonders bemerkenswert ist dabei nicht allein der Reichtum der Gräber, sondern die erstaunliche Art ihrer Erhaltung. Die skythischen Baumeister verstanden es meisterhaft, die Natur für sich zu nutzen. Durch die Konstruktion ihrer Grabanlagen entstand rund um die Grabkammern eine Eislinse, die über Jahrtausende hinweg wie ein gigantischer Gefrierschrank wirkte. Pferde mit reich verziertem Zaumzeug, kunstvoll gefertigte Kleidung aus Seide, Holzgegenstände und sogar menschliche Überreste wie Haut und Haare blieben dadurch bis in unsere Zeit erhalten.

Gass erinnerte dabei auch an einen deutschen Forscher, dessen Name heute außerhalb der Fachwelt kaum noch bekannt ist: Friedrich Wilhelm Radloff. Bereits 1865 stieß der Turkologe während einer Expedition im Altai auf die Kurgane von Berel und dokumentierte sie mit erstaunlicher Genauigkeit. Seine Aufzeichnungen bilden die Grundlage für die weitere Erforschung der Kurgane.

Für viele Besucher dürfte eine andere Entdeckung auf die Prof. Gass aufmerksam machte, besonders überraschend gewesen sein. Auch Kasachstan besitzt eine Art Pyramiden. In der Region Schetissu, östlich von Almaty nahe der kleinen Stadt Shelek, erheben sich zwei ungewöhnliche Kurgane im Gräberfeld von Dzhun-Tobe, dessen Form eher an die Monumentalbauten Ägyptens als an die typischen runden Grabhügel der Steppe erinnert. Bis heute geben die Bauwerke Rätsel auf. Vieles spricht dafür, dass sie weniger als Grabstätte denn als kultische Orte dienten.

Entdecke Kasachstan - Dzhun-Tobe Pyramiden nahe der Stadt Shelek in Kasachstan
Dzhun-Tobe Pyramiden nahe der Stadt Shelek in Kasachstan.

Am Ende seines Vortrags ging Prof. Gass auf die immer wiederkehrenden oft mystisch wirkenden, aus Gold gegossenen und meisterhaft geformten goldenen Tiersymbole der Skythen ein. Viele dieser Fabelwesen der frühen Nomadenkulturen, wie die geflügelten und mit Hörnern besetzten Pferde, sind von der heutigen Republik Kasachstan als Staatsymbol in das Wappen übernommen worden und unterstreichen damit dieses historische Erbe.

Von den Eisgräbern der Skythen führte die Reise anschließend in die Wüstenlandschaften am Aralsee. Prof. Dr. Finn Schreiber vom Deutschen Archäologischen Institut stellte die weitgehend unbekannte Zhetyasar-Kultur vor. Zwischen etwa 300 v. Chr. und 600 n. Chr. entstanden entlang eines heute ausgetrockneten Nebenarms des Syr-Darjam, zwischen dem Aralsee und dem heutigen Kosmodrom Baikonur, zahlreiche befestigte Siedlungen, die zu den frühesten urbanen Zentren der Region östlich des Aralsees gehörten.

Während einige dieser Anlagen bereits erforscht wurden, richtet sich das Interesse des Archäologen Prof. Schreibers auf die Ruinen von Kara-Asar (Kasachisch für Schwarze Festung). Dort legte Schreibers Team bei den jüngsten Grabungen in den Siedlungsresten kunstvolle Keramik frei und entdeckte Hinweise auf eine lokale Töpferwerkstatt. Auch bemerkte sein Team, dass einige Räume mit schwarzer Farbe verputzt waren. Ein Anzeichen darauf, wie dieser Ort vielleicht zu seinem Namen fand. Besondere Aufmerksamkeit erregte auch ein kleines bronzenes Schmuckstück in Form eines Schweins – ein Fund, der neue Fragen über die kulturellen Verbindungen und den Alltag der einstigen Bewohner aufwirft, verschwand doch die Zucht von Schweinen zur Islamisierung der Region zum Anfang des. 5. Jahrhunderts.

Die Vergangenheit der Großen Steppe sollte jedoch nicht nur in wissenschaftlichen Publikationen lebendig bleiben. Deshalb kündigte der Botschafter Onzhanov während der Veranstaltung ein kulturelles Highlight für Deutschland an: Von Oktober 2027 bis März 2028 wird das Staatliche Museum für Archäologie Chemnitz (smac) eine große Sonderausstellung zu den bedeutendsten archäologischen Schätzen Kasachstans präsentieren. Rund 250 Objekte aus den Sammlungen des Nationalmuseums der Republik Kasachstan sollen den Weg nach Sachsen finden. Goldschmuck im berühmten Tierstil der Reiternomaden, Waffen, Pferdegeschirr und weitere noch nie im Ausland ausgestellte Artefakte werden dabei die Geschichte einer Kultur erzählen, die über Jahrtausende hinweg das Gesicht Eurasiens geprägt hat.

Entdecke Kasachstan - Brot der Nomanden - Bauyrsaq
Brot der Nomanden – Bauyrsaq wurde zum Stammtisch serviert.

Nach so viel Geschichte blieb den Gästen schließlich noch Gelegenheit, Kasachstan mit allen Sinnen zu erleben. Bei Bauyrsaq – den goldbraun gebackenen Teigstücken, die an ungezuckerte aber große Kräppelchen erinnern und oft als Brot der Nomaden bezeichnet werden – sowie den traditionellen Milchspeisen Balkaymak und Kaymak klang der Abend in entspannter Atmosphäre aus.

Der Stammtisch unterm Schanyrak zeigte einmal mehr, dass die Große Steppe weit mehr ist als eine geografische karge Landschaft. Sie ist ein kultureller Raum voller Geschichten, Geheimnisse und Entdeckungen. Wer sich auf diese Reise einlässt, begegnet nicht nur den Nomaden vergangener Jahrtausende, sondern auch den Wurzeln des Landes Kasachstans, das seine Geschichte heute mit neuem immer mehr wachsenden Selbstbewusstsein der Welt präsentiert.

Wir danken der Botschaft der Republik Kasachstan für die Einladung und Durchführung sowie der Honorarkonsulin der Republik Kasachstan für Baden-Württemberg, Frau Dorothea Haller-Laible für die wertvolle Unterstützung der Veranstaltung.